Ramona Ehrmann, SOPASS – Sozialpädiatrische- und Präventionsassistentin seit 2021, stellte diese Zusatzqualifikation in PädNetzS Info 26/1 vor. Nun berichtet sie über die Durchführung standardisierter Testverfahren in der Praxis und gibt nützliche Erfahrungen in der Anwendung weiter.
Ausgangssituation und Entscheidungsfindung
Der Anstoß zur Einführung diagnostischer Testungen ergab sich aus einer zunehmend angespannten Versorgungssituation: Ein langjährig tätiger Kinder- und Jugendpsychiater, der viele unserer Patientinnen und Patienten betreut hatte, ging in den Ruhestand – leider ohne Praxisnachfolge.
Die verbliebenen kinder- und jugendpsychiatrischen Kolleginnen und Kollegen in der Region waren bereits stark ausgelastet und konnten weder zusätzliche noch ganz neue Patientinnen und Patienten aufnehmen. Auch die nächstgelegenen Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ) arbeiteten seit Jahren an ihrer Kapazitätsgrenze, mit Wartezeiten von teils über einem Jahr. Eine größere kinder- und jugendpsychiatrische Praxis im Nachbarkreis hatte zudem einen Aufnahmestopp verhängt.
Der Versorgungsdruck nahm spürbar zu – auch in unserer Praxis. Vor diesem Hintergrund entstand die Entscheidung, diagnostische Testverfahren eigenständig zu etablieren.
Implementierung der Testverfahren
Da die Ausbildung zur SOPASS bereits die Durchführung der ET6-6R, BUEVA III und BUEGA-Testungen umfasst, lag es nahe, dieses Wissen in der Praxis anzuwenden. Aufgrund des hohen Bedarfs unserer Patientinnen und Patienten im Grundschulbereich entschieden wir uns zunächst für die Einführung der BUEGA-Testung.
Nach der Anschaffung der erforderlichen Materialien inklusive Auswertungssoftware füllte sich die – eigentlich noch nicht vorhandene – Warteliste rasch. Trotzdem erhielt ich von meinem Praxisinhaber bewusst die Zeit, mich intensiv in die Testverfahren einzuarbeiten und mein Wissen aufzufrischen und zu erneuern.
Einarbeitung und Qualitätssicherung
Zur Vorbereitung führte ich erste Testungen mit Kindern ohne auffällige Diagnose in meinem privaten Umfeld durch. Diese „Probeläufe“ ermöglichten es mir, Sicherheit im Ablauf zu gewinnen und typische Anfangsfehler zu reflektieren.
In einem zweiten Schritt testete ich Kinder mit bereits gesicherten Diagnosen wie ADHS, Lese-Rechtschreibstörung oder Dyskalkulie. Dadurch konnte ich meine Ergebnisse mit bestehenden Befunden abgleichen und meine diagnostische Einschätzung und den Umgang mit den Testmaterialien weiter schärfen.
Während dieser Phase war der enge fachliche Austausch mit meinem Praxisinhaber von großer Bedeutung. Offene Fragen konnten kontinuierlich geklärt werden.
Organisation im Praxisalltag
Nach Abschluss der Einarbeitungsphase wurden feste Testtermine in den Praxisablauf integriert. Diese fanden bewusst am Vormittag statt, um optimale Testbedingungen (ausgeruhte und konzentrierte Kinder) zu gewährleisten.
Die Terminvergabe erfolgte zügig über unsere bereits umfangreiche Warteliste.
Im Vorfeld erhielten Eltern und Schulen standardisierte Fragebögen (z. B. SDQ), die ausgefüllt zum Termin mitgebracht und strukturiert ausgewertet wurden. Dies ermöglichte eine umfassendere diagnostische Einordnung.
Durchführung und erste Erfahrungen
Die ersten Testungen verliefen dank der intensiven Vorbereitung ruhig und strukturiert. Im Anschluss erfolgte eine ausführliche gemeinsame Auswertung mit dem Praxisinhaber.
Dabei wurde schnell deutlich, dass neben der Testdurchführung ein klarer praxisinterner Leitfaden erforderlich ist. Dieser sollte unter anderem folgende Aspekte regeln:
Kriterien für die Empfehlung eines Nachteilsausgleichs
Indikationsstellung für therapeutische Maßnahmen
Überblick über regionale Therapieangebote
Auswahl geeigneter unterstützender (auch digitaler) Angebote für Familien
Ganzheitlicher Ansatz: Einbeziehung der Eltern
Ein besonderer Schwerpunkt lag für mich auf der Einbindung und Unterstützung der Eltern. Aus eigener Erfahrung als Mutter eines Kindes mit ADHS weiß ich, wie entscheidend ein gutes Verständnis der Störung für den Umgang im Alltag ist.
Fortbildungen, Elterntrainings sowie eigene Recherche haben mir persönlich sehr geholfen – insbesondere auch das Tagesseminar bei der dapg „Diagnose ADHS – Was bedeutet dies für Kinder / Jugendliche und ihre Familien“. Diese Erfahrungen möchte ich gezielt an betroffene Familien weitergeben.
Gemeinsam entwickelten wir daher einen strukturierten Praxisleitfaden, der neben diagnostischen und therapeutischen Aspekten auch Informations- und Unterstützungsangebote für Eltern umfasst.
Abrechnung und Rahmenbedingungen
Die Abrechnung der Testleistungen im EBM stellte sich als unproblematisch dar, da es sich um delegationsfähige Leistungen handelt. Im Rahmen der HzV wird die Tätigkeit über entsprechende Zuschläge für SOPASS-Leistungen abgebildet.
Herausfordernder gestaltet sich derzeit noch die Abrechnung nach GOÄ. Hier besteht die Hoffnung, dass die angekündigte Reform zur GÖAneu künftig eine bessere Abbildung delegationsfähiger Leistungen ermöglicht.
Ausblick
Nachdem die Testverfahren inzwischen erfolgreich in unserer Praxis etabliert sind, plane ich, die Durchführung der BUEGA-Testungen perspektivisch an eine Kollegin zu übergeben, die sich derzeit ebenfalls in der SOPASS-Ausbildung befindet.
Parallel dazu planen wir bereits die Einführung weiterer diagnostischer Testverfahren, um unser Leistungsspektrum gezielt zu erweitern und den steigenden Anforderungen in der Versorgung noch besser gerecht zu werden. Die Umsetzung befindet sich aktuell in Vorbereitung, sodass wir in absehbarer Zeit mit der Durchführung zusätzlicher Testungen starten werden.
So kann die Qualität langfristig gesichert und gleichzeitig die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten weiter verbessert werden.
SOPASS: Eine wertvolle Chance für MFA –
und für die Versorgung
Zum Abschluss möchte ich noch eine persönliche Empfehlung an alle MFA-Kolleginnen und Kollegen aus kinderärztlichen Praxen aussprechen: Die SOPASS-Ausbildung hat für mich einen enormen Mehrwert geschaffen – fachlich, persönlich und für das gesamte Praxisteam. Sie hat mein Wissen vertieft, meinen diagnostischen Blick geschärft und mir im Umgang mit komplexen Patientensituationen deutlich mehr Sicherheit gegeben. Gleichzeitig erlebe ich, wie stark unsere Ärztinnen und Ärzte von der erweiterten Kompetenz und Entlastung profitieren, die mit dieser Qualifikation einhergeht.
Ich kann jede Kollegin und jeden Kollegen nur ermutigen, diesen Weg zu gehen. Die SOPASS-Weiterbildung eröffnet nicht nur neue berufliche Perspektiven, sondern trägt ganz unmittelbar dazu bei, die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten zu verbessern – gerade in Zeiten wachsender Versorgungsengpässe. Für mich war es eine der wertvollsten Entscheidungen meiner beruflichen Laufbahn, und ich freue mich über alle Kolleginnen und Kollegen, die diesen Schritt ebenfalls wagen.
Tagesseminar:
Diagnose ADHS – Was bedeutet dies für Kinder / Jugendliche und ihre Familien
29.04.2026
Kosten: 99,00 €
Veranstaltungsort: Online
E-Mail: post@dapg.info
Fax: 03212 – 6683083
Infos zum Programm:
https://www.dapg.info/wp-content/uploads/2025/12/DAPG-ADHS-Tagesseminar_2026.pdf