Suche

Genossenschaft der fachärztlichen Versorgung
von Kindern und Jugendlichen

Rubriken | PädNetzS Info

2024/1

Was bewegt sie? Und was bewegen sie?

In loser Folge stellen wir die aktiven Mitglieder des Vorstands und Aufsichtsrats von PädNetzS vor. Das Interview führte Susanne Schöninger-Simon.

Ralph Alexander Gaukler

ist niedergelassener Arzt für Kinder- und Jugendmedizin in Esslingen. Er ist stellvertretender Landesverbandsvorsitzender und Delegierter des BVKJ, stellvertretender Obmann des Bezirks Esslingen – Nürtingen und seit der Gründung von PädNetzS Mitglied des Vorstands.

Herr Gaukler, Sie führen gemeinsam mit zwei Kollegen seit 22 Jahren eine Praxis für Kinderheilkunde in Esslingen.

Ich hatte das Glück, dass ich direkt im Anschluss an meine Facharztausbildung, die ich in der Esslinger Kinderklinik und am Klinikum Bayreuth absolviert habe, 2002 mit meinem Studienkollegen Christian Hayd gemeinsam eine große Kinderarztpraxis in Esslingen übernehmen konnte. Die Entscheidung, diese Praxis, die zuvor von einem einzelnen Arzt geführt worden war, zu zweit im Job-Sharing zu betreiben, hatten wir damals bewusst getroffen. Wir wollten unsere jungen Patient:innen nicht im Zwei-Minuten-Takt behandeln,
sondern hatten die Vorstellung einer patientenorientierten Medizin mit mehr Zeit für den einzelnen. In den 22 Jahren hat sich natürlich einiges getan, die Zahl der zu versorgenden Patient:innen ist gestiegen. Heute sind wir mit unserem Kollegen Markus Oßwald drei Partner und werden außerdem von einem festen Stamm an Mitarbeiterinnen unterstützt, zu denen medizinische Fachangestellte, eine Kinderkrankenschwester und eine Physiotherapeutin gehören.

Seit der Gründung von PädNetzS eG 2008 sind Sie Mitglied des Vorstands, momentan dessen Vorsitzender. Darüber hinaus sind Sie stellvertretender Landesverbandsvorsitzender des BVKJ sowie stellvertretender Obmann des Bezirks Esslingen – Nürtingen. Wie kamen Sie zur Berufspolitik?

Ich bin jemand, der gern gestaltet. Schon kurz nach meinerNiederlassung habe ich mich deshalb im BVKJ engagiert. 2003 oder 2004 übernahm ich die Funktion des Obmanns des Kreises Esslingen, Nürtingen. Von dort wurde ich in die Delegiertenversammlung gewählt und später in den Vorstand des Landesverbands Baden-Württemberg. Momentan kümmere ich mich dort um alle Angelegenheiten, die im Zusammenhang mit dem Hausärztevertrag stehen. Ich bin die Kommunikationsstelle zwischen der AOK und dem Landesverband.

Wir haben in den letzten beiden Info Ausgaben nochmals herausgestellt, dass der Abschluss des Selektivvertrags mit der AOK den Anstoß zur Gründung von PädNetzS gab. Sie waren maßgeblich daran beteiligt, dass ein eigener Vertragsanteil für die Kinder- und Jugendmedizin zustande kam. Wie schaffen Sie es neben ihrer Arbeit in der Praxis, diese Aufgaben zeitlich zu bewältigen?

Ich habe einen festen, freien Tag in der Woche. Da wir ein großes Team in unserer Praxis sind, ist dies möglich, ohne dass die Sprechstundenzeiten eingeschränkt werden müssen. Diesen Tag nutze ich für meine Vorstands- und Verbandstätigkeit, aber auch für die vielen
Verwaltungsaufgaben, die in der Praxis anfallen.

Die Zunahme der Bürokratie ist immer wieder Gegenstand von Klagen bei den niedergelassenen Ärzt:innen. PädNetzS hatte als Reaktion darauf ein Versuchsprojekt für die Mitglieder gestartet: die paeDoc AG, eine Dienstleistungsfirma, die Ärzten in der Praxis Verwaltung abnimmt, damit diese mehr Zeit für die Patientenversorgung zur Verfügung haben. Das war eine Idee von Ihnen, Thomas Kauth und Ulrich Kuhn.

Eigentlich kam der Anstoß direkt aus der Kollegenschaft, wo die Notwendigkeit einer solchen Entlastung beständig Thema war. Wir haben uns in der PädNetzS eG Gedanken dazu gemacht. So entstand die Idee, eine Dienstleistungsfirma zu gründen, die den Praxisinhaber:innen unter dem Motto „Sie machen die Medizin, wir den Rest“ Aufgaben abnimmt, die im Unternehmen anfallen, aber nicht zu den unmittelbar medizinischen Leistungen gehören. Der Service sollte etwas kosten, aber die gewonnene Zeit konnte wiederum in die Patient:innen investiert werden. Das Angebot der paeDoc beinhaltete einzelne Dienstleistungen wie Qualitätsmanagement, Datenschutzbeauftragung, Abrechnungscontrolling. Diese ließen sich stufenweise erweitern. Bis hin zum Komplettmanagement einer Praxis, in der die Praxisinhaber:innen und alle Angestellten wie in einer Klinik zum Arbeiten kommen, während sich eine Verwaltung im Hintergrund um alle anderen Dinge kümmert.

Wie wurde das Projekt von den Mitgliedern angenommen?

Zunächst war die Begeisterung groß. Wir erhielten viele Rückmeldungen, dass ein realistischer Bedarf hierfür besteht. Aber nachdem wir die AG soweit umgesetzt hatten, dass wir sie an den Markt bringen konnten und die einzelnen Leistungen mit Preisen unterlegt hatten, war die Reaktion der Kolleg:innen zurückhaltender.
Die meisten von uns denken dann doch: Für den Preis mache ich es lieber selbst. Dann kam Corona, die Marketingmaßnahmen waren eingeschränkt und wir hatten Schwierigkeiten Personal zu finden. Schließlich musste die paeDoc AG eingestellt werden.

Die Sorge war vielleicht, dass nicht sichergestellt ist, dass mit der durch das Outsourcing gewonnenen Mehrzeit auch mehr Umsatz generiert wird?

Wir niedergelassenen Ärzt:innen haben die Eigenschaft zu glauben, dass wir es letztendlich selbst am besten machen, weil wir unsere Praxis kennen. Aber allein beim Abrechnungscontrolling konnte pae-Doc nachweisen, dass die von uns angestellten externen Profis, die einfach nur überprüft haben, ob alle Leistungen, die in einer Praxis erbracht worden sind, auch tatsächlich abgerechnet wurden, den
Auftraggeber:innen ein größeres finanzielles Plus beschert haben, als das Controlling gekostet hat.

Ein Thema, dem sich PaedNetzS seit langem widmet, ist die Nachfolgersuche. Auch beim diesjährigen Think Tank stand die Frage, wie die ambulante kinder- und jugendärztliche Versorgung gesichert werden kann, auf der Tagesordnung. Könnte da eine solche Praxis ohne Verwaltung einen Beitrag leisten?

Viele junge Kinder- und Jugendärzt:innen würden vielleicht gerne eine Praxis übernehmen. Die hierarchischen Strukturen im Krankenhaus haben mich selbst nach meiner Facharztausbildung dazu bewogen, mich niederzulassen. Eine eigene Praxis bedeutet, dass man unabhängig arbeiten und selbst gestalten kann. Aber die ganze Bürokratie aufzubauen und alleine tragen zu müssen, könnte für manche ein Hindernis sein. Da wäre ein Unternehmen, in dem es eine Praxisinhaberin oder einen -inhaber gibt und die Organisation extern erledigt wird, sicher eine Möglichkeit.

Thomas Kauth, Ulrich Kuhn und Sie hatten damals viel Zeit und Energie in dieses Projekt investiert.

Ich muss zugeben, dass es bei mir nach dem Ende von paedDoc einen Motivationseinbruch gab. Ich war der Meinung, dass andere an der Reihe sind, sich zu engagieren. Aber ich habe mich dann doch erneut für die Vorstandswahl der PädNetzS eG zur Verfügung gestellt. Und momentan spüre ich dort eine Aufbruchstimmung, die anspornt. Beim Think Tank Treffen waren junge Kolleg:innen mit neuen Ideen dabei, die bereit sind, Aufgaben zu übernehmen.
Warum machen wir denn Genossenschaftsarbeit? Um mitzubestimmen, gemeinsam etwas zu gestalten und voneinander zu lernen. Das lohnt sich doch.

Bleibt Ihnen bei Ihrem Engagement noch Zeit für andere Interessen? Sie haben auch eine Familie?

Meine Familie nimmt einen hohen Stellenwert in meinem Leben ein. Unsere gemeinsame Leidenschaft ist das Reisen und dafür nehme ich mir die Zeit. Mit dem Wohnmobil haben wir bereits ganz Europa erkundet. Aber Sie haben Recht, weitere Interessen muss ich auf die Zeit nach meiner Berufstätigkeit verlegen. Aber mein Beruf ist eben auch eine Leidenschaft von mir.