Genossenschaft der fachärztlichen Versorgung
von Kindern und Jugendlichen

1/2026

Kinderschutz

PädNetz Akademie schult Ärztinnen und Ärzte im Kinderschutz

Seminar sensibilisiert für Vernachlässigung, Gewalt und sexuellen Missbrauch

Wenn Kinder leiden, geschieht das oft leise – und doch viel häufiger, als unsere Gesellschaft wahrhaben möchte.

Um junge Ärztinnen und Ärzte für dieses sensible Thema weiter zu qualifizieren, veranstaltet die PädNetz-Akademie im März in Kooperation mit dem Kompetenzzentrum Weiterbildung ein Fachseminar unter dem Titel „Vernachlässigung, körperliche Misshandlung und sexueller Missbrauch im Kindes- und Jugendalter“. Unsere Referentin ist Dr. Astrid Helling-Bakki, Expertin für Kinderschutzmedizin, die bereits in der Vergangenheit eng mit der PädNetz Akademie zusammengearbeitet hat.

Im Mittelpunkt des Seminars steht die Frage, was genau unter einer Kindeswohlgefährdung zu verstehen ist. Juristisch gilt sie als eine gegenwärtige Gefahr, bei der mit hoher Wahrscheinlichkeit eine erhebliche Schädigung des Kindes zu erwarten ist. Dabei geht es nicht nur um offensichtliche Gewalt, sondern auch um Vernachlässigung, psychische Misshandlung oder Überforderung der Eltern.

Besonders eindrücklich sind immer wieder die präsentierten Zahlen: In Deutschland sterben laut internationalen Schätzungen etwa drei Kinder pro Woche an den Folgen von Gewalt. Rund 80 Prozent der misshandelten Kinder sind jünger als drei Jahre. Die häufigste Form der Kindeswohlgefährdung ist dabei die Vernachlässigung – etwa durch unzureichende Pflege, fehlende medizinische Versorgung oder mangelnde emotionale Zuwendung.

Ein weiterer Schwerpunkt des Seminars ist der sexuelle Missbrauch. Studien gehen davon aus, dass 10–20 Prozent der Mädchen und 5–10 Prozent der Jungen betroffen sind – mit einer vermutlich hohen Dunkelziffer. Das bedeutet: in jeder Schulklasse sitzen ein bis zwei betroffene Kinder. Besonders erschütternd: In rund 60 Prozent der Fälle stammen die Täter aus dem familiären Umfeld, und viele Taten ziehen sich über Jahre hin.

Dr. Helling-Bakki zeigt im Seminar typische Befunde, die hellhörig machen müssen, aber sensibilisiert auch immer wieder dafür, dass diese nicht notwendig vorliegen müssen, um einen Missbrauch zu beweisen. Über 90 Prozent der Kinder, die sexuellen Missbrauch erlebt haben, zeigen bei der Untersuchung keinen auffälligen körperlichen Befund. Umso wichtiger seien eine sorgfältige Dokumentation, interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Nutzung spezialisierter Netzwerke im Kinderschutz.

Im Seminar arbeiten die Teilnehmenden auch an Fallbeispielen. Dabei geht es um typische Situationen aus dem Praxisalltag: Wie reagieren, wenn ein Kind auffällige Verletzungen zeigt? Was tun, wenn ein Mädchen sich einer Lehrerin anvertraut? Welche Rolle spielen Jugendamt, Familiengericht und Polizei? Die Botschaft ist klar: Kinderschutz ist Teamarbeit – und niemand muss Entscheidungen allein treffen. Spezialisierte Fachstellen und im Kinderschutz erfahrene Fachkräfte können und sollten stets hinzugezogen werden.

Die PädNetz-Akademie ist besonders dankbar für das Engagement von Dr. Astrid Helling Bakki. Neben ihrer selbstständigen Tätigkeit als Referentin ist sie Geschäftsführerin und Vorständin der World Childhood Foundation Deutschland. Diese Stiftung engagiert sich unter anderem für die Weiterentwicklung sogenannter Childhood-Häuser: ambulante, interdisziplinäre Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche, die von sexualisierter und körperlicher Gewalt sowie Vernachlässigung betroffen sind. In diesen Häusern arbeiten Medizin, Polizei, Justiz, Jugendhilfe und psychosoziale Fachkräfte eng zusammen – um betroffene Kinder umfänglich unterstützen zu können und oftmals schwierige Klärungsprozesse so schonend wie möglich für die Kinder und Jugendlichen zu gestalten. In Baden-Württemberg gibt es aktuell zwei Childhood-Häuser, in Heidelberg und in der Ortenau.

Die PädNetz-Akademie verfolgt mit ihren Fortbildungen das Ziel, Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung nicht nur fachlich, sondern auch rechtlich und kommunikativ zu stärken. „Im Zweifel ist es immer richtig, sich beraten zu lassen – auch anonym“, lautet eine der zentralen Take-Home-Messages des Seminars.

Mit Angeboten wie diesem leistet die PädNetz-Akademie einen wichtigen Beitrag dazu, dass gefährdete Kinder früher erkannt und besser geschützt werden. Denn: Kindesmisshandlung ist häufig – und Prävention beginnt mit Wissen, Vernetzung und Mut zum Hinschauen.

Dr. Marie-Sophie Bendig für die
PädNetz-Akademie

 

Überregional für ganz Deutschland ist bei Kinderschutzfragen z.B. die Medizinische Kinderschutzhotline als ein telefonisches Beratungsangebot für Fachpersonal 24 Stunden kostenfrei unter Tel. 0800 19 210 00 erreichbar.

 

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