Genossenschaft der fachärztlichen Versorgung
von Kindern und Jugendlichen

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Umfrage 2026

Versorgungssituation der ambulanten Kinder- und Jugendmedizin in Baden-Württemberg

Einleitung

Die ambulante Kinder- und Jugendmedizin sichert in Baden-Württemberg die medizinische Grundversorgung für knapp zwei Millionen Kinder und Jugendliche < 18 Jahre. Es gibt hierfür etwa 750 kinder- und jugendärztliche Versorgungsaufträge in rund 450 Praxen.

In den letzten Jahren sind zunehmende Herausforderungen in der ambulanten Kinder- und Jugendmedizin festzustellen. So kam es beispielsweise durch neu eingeführte Impfungen und Früherkennungsuntersuchungen sowie Zunahme sozialpädiatrischer Vorstellungsanlässe zu einem höheren Arbeitsaufkommen in den kinder- und jugendärztlichen Praxen. Auch die Versorgung chronisch kranker Kinder im ambulanten Bereich sowie die große Zahl von Migrant*innen führt zu einem erhöhten Personalbedarf.
Zugleich ist es in vielen Regionen schwierig, Nachfolger in der ambulanten Versorgung zu finden.

Die pädiatrischen Netze PädNetzS sowie PaedNetz Südbaden führten 2024 erstmals eine Umfrage unter allen niedergelassenen Kinder- und Jugendärzt*innen in Baden-Württemberg durch, um die aktuelle Versorgungslage zu erfassen. Diese Umfrage wird seither jährlich wiederholt, um die Entwicklung der kinder- und jugendärztlichen Versorgungssituation in Baden-Württemberg darzustellen.

Es handelt sich hierbei um eine Erfassung der subjektiv von Kinder- und Jugendärzt*innen empfundenen Versorgungsrealität. Diese Umfrage hat somit nicht den Anspruch einer im Detail präzisen Datenerhebung. Sie liefert dennoch ein wertvolles Bild der aktuellen Versorgungslage und zeigt auf, in welchen Regionen und bei welchen Patientengruppen schon heute Probleme in der kinder- und jugendärztlichen Grundversorgung bestehen. 

Methodik

Die niedergelassenen Kinder- und Jugendärzt*innen (KJÄ) Baden-Württembergs wurden per E-Mail angeschrieben und gebeten, eine Online Umfrage (SurveyMonkey) zu beantworten. Diese Umfrage wurde im Think Tank von PädNetzS konzipiert, von der Sektion Forschung der Deutschen Gesellschaft für Ambulante Allgemeine Pädiatrie (DGAAP) geprüft und pilotiert, vom Paednet Südbaden und dem bvkj Baden-Württemberg unterstützt.

Es wurden Fragen zur aktuellen Versorgungssituation von

  • Neugeborenen
  • Neu zugezogenen Kindern und Jugendlichen
  • Chronisch kranken Kindern und Jugendlichen
  • Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gestellt.

Zudem wurde gefragt, wie sich die lokale Versorgungsrealität im vergangenen Jahr verändert hat und welche Veränderungen die KJÄ für die Zukunft (die nächsten 5 Jahre) erwarten.

Die teilnehmenden Kolleginnen und Kollegen wurden gebeten, die aktuelle Situation in ihrem lokalen Versorgungsgebiet einzuordnen. Dafür wurden Antwortmöglichkeiten analog zu Schulnoten von 1 bis 6 vorgegeben.

 

Die Antwortmöglichkeiten lauteten für Abb. 1 – 4 und 6:

Note 1: Das ist in unserem Versorgungsgebiet problemlos möglich (alle Patient*innen werden ohne Probleme adäquat versorgt)

Note 2: Das ist in unserem Versorgungsgebiet gut, kostet aber einige Anstrengung (alle Patient*innen werden adäquat versorgt, allerdings müssen die Patient*innen teilweise bei mehreren Praxen anfragen)

Note 3: Das ist in unserem Versorgungsgebiet noch ausreichend gut (alle Patient*innen werden adäquat versorgt, allerdings bekommen die Patient*innen oft nur mit Mühe einen Termin und müssen häufig mehrere Praxen anfragen)

Note 4: Das ist in unserem Versorgungsgebiet schwierig und klappt nicht mehr vollständig (bis maximal 10% der Patient*innen werden nicht adäquat versorgt)

Note 5: Das ist in unserem Versorgungsgebiet sehr schwierig und führt regelmäßig zu Problemen (11–25% der Patient*innen werden nicht adäquat versorgt)

Note 6: Das ist in unserem Versorgungsgebiet katastrophal (>25% der Patient*innen werden nicht adäquat versorgt)

Die Ergebnisse dieser Umfrage werden auf Ebene der Land- und Stadtkreise in den Farben grün (Note 1) bis rot (Note 6) dargestellt.
Darüber hinaus wurden die Teilnehmer*innen gebeten, konkrete Gedanken und Vorschläge zur Verbesserung der lokalen Versorgungssituation zu machen. Die hierbei erhaltenen Antworten werden in der Diskussion beschrieben.

 

Ergebnisse
Im Jahr 2026 haben sich insgesamt 218 niedergelassene Kinder- und Jugendärzt*innen aus 42 Stadt- und Landkreisen an der Umfrage beteiligt. Die Beteiligung war damit etwas geringer als im Vorjahr (damals 268 Teilnehmer*innen aus 44 Stadt- und Landkreisen).
In der aktuellen Umfrage nicht vertreten sind die Stadt Baden-Baden sowie der Landkreis Emmendingen. Diese sind daher in den Abbildungen grau dargestellt.

>> PDF Ergebnisse der Befragung in Tabellenform

Neugeborene (Abb.1)
In den meisten Stadt- und Landkreisen können Neugeborene aktuell ausreichend gut versorgt werden. In 10 von 42 erfassten Stadt- und Landkreisen lag die erfasste Durchschnittsnote schlechter als 3,5. Besonders angespannt ist die Situation für Neugeborene wie bereits im Vorjahr in den Städten Pforzheim (Note 4,5; Vorjahr 5,0) sowie nun auch im Landkreis Rastatt (Note 4,5). Schlusslicht in der aktuellen Befragung ist wie im Vorjahr der Enzkreis (Note 5,0; Vorjahr 5,0), wobei aus diesem Kreis nur zwei Antworten in der aktuellen Umfrage vorlagen. In manchen Gebieten lässt sich eine Verbesserung feststellen. Dies gilt beispielsweise für die Stadt Heilbronn (aktuell 3,0; Vorjahr 4,5) sowie den Landkreis Böblingen (Note 4,0; Vorjahr 4,6). Die Durchschnittsnote der gesamten Stadt- und Landkreise für die Versorgung neugeborener Kinder lag im Jahr 2026 bei 2,7. Somit lässt sich gegenüber dem Vorjahr eine leichte Verbesserung feststellen (Mittelwert damals 3,1).

Versorgung von Neugeborenen (Abb.1)
Fragestellung: Wie gelingt die Versorgung von neugeborenen Kindern in Ihrem Versorgungsgebiet?
Werden alle anfragenden Neugeborenen versorgt und bekommen diese Kinder einen zeitgerechten Termin für die U3?

Neu zugezogene Kinder (Abb.2)
Schwieriger ist die Lage für Kinder, die neu in einen Stadt- oder Landkreis ziehen. In 29% (12 von 42) der Stadt- und Landkreise wird die Versorgungssituation von den teilnehmenden KJÄ als mangelhaft (Note 4,5 oder schlechter) eingeschätzt. Besonders angespannt ist die Versorgungslage im Jahr 2026 im Enzkreis (Note 5,5), dem Schwarzwald-Baar-Kreis (Note 5,7) und im Landkreis Rottweil (Note 6,0). Die Durchschnittsnote der gesamten Stadt- und Landkreise für die Versorgung neu zugezogener Kinder lag im Jahr 2026 bei 3,6, was ebenfalls einer Verbesserung gegenüber dem Vorjahr entspricht (Mittelwert damals 4,1).

Versorgung von neu zugezogenen Kindern (Abb.2)
Fragestellung: Wie gelingt die Versorgung von neu zugezogenen Patient*innen in Ihrem Versorgungsgebiet? Finden alle anfragenden neu zugezogenen Patient*innen eine/n Kinder- und Jugendärzt*in?

Chronisch kranke Kinder (Abb.3)
Problematisch ist die Lage für chronisch kranke Kinder mit besonderem Versorgungsbedarf. In 52% (22 von 42) der Stadt- und Landkreise gelingt eine adäquate Versorgung nicht mehr vollständig (Note 3,5 oder schlechter). Schlusslichter in der Versorgung von chronisch kranken Kindern sind im Jahr 2026 der Ostalbkreis (Note 4,6; Vorjahr 3,8), der Main-Tauber-Kreis (Note 5,0; Vorjahr 6,0) sowie der Bodenseekreis (Note 5,0; Vorjahr 3,0).
Die Durchschnittsnote der gesamten Stadt- und Landkreise für die Versorgung chronisch kranker Kinder lag im Jahr 2026 bei 3,5 (Vorjahr 3,8).

Versorgung chronisch kranker Kinder (Abb.3)
Fragestellung: Wie gelingt die Versorgung von Patient*innen mit chronischen Erkrankungen in Ihrem Versorgungsgebiet? Werden Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen adäquat versorgt und bekommen diese bei Bedarf zeitgerecht einen Termin bei pädiatrischen Subspezialist*innen (Kinderkardiologie, Neuropädiatrie, etc.)?

Kinder mit Migrationshintergrund (Abb.4)
Wenig überraschend ist auch die Karte für die Versorgung von minderjährigen Migrant*innen in weiten Teilen Baden-Württembergs wie in den Vorjahren rot eingefärbt. Erfreulicherweise lässt sich für das Jahr 2026 aber eine klare Verbesserung der Versorgungssituation feststellen. Nachdem im Jahr 2025 eine Durchschnittsnote von 3,0 nur in der Universitätsstadt Heidelberg erreicht wurde, liegt aktuell in immerhin 11 von 42 Stadt und Landkreisen (26%) die Durchschnittsnote bei 3,0 oder besser. Schlusslichter in der Versorgung von Kindern mit Migrationshintergrund sind der Landkreis Heidenheim (Note 5,3) sowie erneut der Schwarzwald-Baar Kreis (Note 5,3; Vorjahr 5,5). Die Durchschnittsnote aller Stadt- und Landkreise für die Versorgung von Kindern mit Migrationshintergrund lag im Jahr 2025 bei 4,3 und hat sich in der aktuellen Umfrage auf 3,8 verbessert.

Versorgung von Kindern mit Migrationshintergrund (Abb.4)
Fragestellung: Wie gelingt die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Ihrem Versorgungsgebiet? Finden alle neu nach Deutschland kommenden Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund einen/eine Kinder- und Jugendärzt*in?

 

Das letzte Jahr (Abb.5)
Auf die Frage „Wie hat sich die ambulante kinder- und jugendärztliche Versorgungssituation in den letzten 12 Monaten in Ihrem Versorgungsgebiet entwickelt?“ erhielten wir im Mittelwert über alle Stadt- und Landkreise hinweg die Note 3,4, entsprechend der Einschätzung „unverändert“. Deutliche Verbesserungen wurden vor allem aus den Landkreisen Sigmaringen und Tübingen sowie den Städten Pforzheim und Heilbronn berichtet. Verschlechtert hat sich die Situation besonders in den Landkreisen Heidenheim, Ravensburg sowie im Bodenseekreis.

Entwicklung der kinder- und jugendärztlichen
Versorgung von 2024 bis 2025 (Abb.5)

Fragestellung: Wie hat sich die ambulante kinder- und jugendärztliche Versorgungssituation in Ihrem Versorgungsgebiet in den letzten 12 Monaten entwickelt?

Die Antwortmöglichkeiten lauteten für diese Frage
Note 1: Deutlich verbessert
Note 2: Leicht verbessert
Note 3: Unverändert
Note 4: Leicht verschlechtert
Note 5: Deutlich verschlechtert

Die Aussicht in die Zukunft (Abb.6)
Es wurde eine Frage zur Einschätzung der zukünftigen Entwicklung gestellt „Wie schätzen Sie die Entwicklung der Versorgungssituation in den nächsten 5 Jahren ein?“. Über alle Stadt- und Landkreise hinweg lag die Durchschnittsnote hier bei 4,3, d.h. insgesamt gehen die teilnehmenden Kinder- und Jugendärzt*innen für die nächsten Jahre eher von einer Verschlechterung der Versorgungssituation aus. Insgesamt zeigt sich aber auch hier im Vergleich zum Vorjahr (Durchschnittsnote 4,8) ein etwas optimistischerer Blick in die Zukunft
Diskussion

Erwartete Entwicklung der kinder- und jugendärztlichen Versorgung in den nächsten fünf Jahren (Abb.6)

Fragestellung: Wie schätzen Sie die Entwicklung der Versorgungs­situation in den nächsten 5 Jahren ein?

 

Diskussion
Es ist erfreulich, dass sich in der aktuellen Umfrage erstmals eine leichte Verbesserung der Versorgungssituation der Kinder- und Jugendmedizin abzeichnet. Dennoch bleibt die kinder- und jugendmedizinische Versorgungslage in zahlreichen Stadt- und Landkreisen angespannt und viele Praxen haben es nach wie vor schwer, Nachfolger*innen für die ambulante Pädiatrie zu gewinnen.
Als Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte wollen wir die Versorgung unserer Patient*innen sicherstellen.
Die Auswertung der offenen Antworten zeigt drei zentrale Handlungsfelder zur Verbesserung der lokalen Versorgungssituation.
Erstens wird sehr häufig ein struktureller Personalmangel benannt, verbunden mit der Forderung nach einer Ausweitung der Weiterbildungskapazitäten, der gezielten Nachwuchsförderung sowie der Delegation ärztlicher Leistungen.
Zweitens wird die Bedeutung verbesserter Rahmenbedingungen für Weiterbildung und Vergütung hervorgehoben. Zahlreiche Antworten adressieren die Notwendigkeit einer verlässlichen und ausreichenden Finanzierung von Weiterbildungsstellen sowie einer angemessenen Honorierung ärztlicher Leistungen. Exemplarisch hierfür stehen Aussagen wie „Verlässliche Weiterbildungsförderung!!!“, „Finanzierung von Weiterbildungsstellen wie in der Allgemeinmedizin“, „Gesicherte Bezahlung von Weiterbildungsassistent*innen“ und „Mehr Zeit für sprechende Medizin durch bessere Vergütung“.
Diese beiden Aspekte werden als zentrale Voraussetzung gesehen, um den Beruf langfristig attraktiver zu gestalten und die Versorgungsqualität zu sichern.

Drittens wird ein Bedarf an strukturellen Reformen des Versorgungssystems deutlich, insbesondere im Hinblick auf Bürokratieabbau, flexiblere Zulassungsregelungen und eine verbesserte Vernetzung der Versorgungsakteure. Dies äußert sich in Forderungen wie „Bürokratieabbau !!!!!“, „Öffnung der Zulassungsbeschränkung, Beendigung der Deckelung“, „Unbesetzte Kassensitze besetzen“ sowie „Vernetzung von Facharztpraxen mit niedergelassenen Kinderärzt*innen“ und „MVZ, bessere Vernetzung mit Kinderklinik“. Die Befragten sehen hierin wesentliche Ansatzpunkte, um bestehende Ressourcen effizienter zu nutzen und die Koordination der Versorgung zu verbessern.

Insgesamt verdeutlichen die Ergebnisse, dass sowohl quantitative (Personal) als auch qualitative (Strukturen, Vergütung, Organisation) Maßnahmen erforderlich sind, um die lokale Versorgungssituation nachhaltig zu verbessern.

Die Autoren laden ausdrücklich zu Rückmeldungen ein. Diese Rückmeldungen können von den im Landtag vertretenen Parteien, Körperschaften, Organisationen oder auf von Einzelpersonen mit dem Stichwort „Versorgungsatlas Kinder BW 2026“ an das Büro von PädNetzS gesandt werden: info@paednetzs.de

Ausblick

Wir werden diese Umfrage weiterhin jährlich wiederholen, um Trends in der kinder- und jugendärztlichen Versorgungslage sichtbar zu machen. Zugleich hoffen wir, auf Basis dieser Umfrage und mit den genannten konkreten Ideen zur Verbesserung der pädiatrischen Versorgung, einen konstruktiven Dialog mit politischen Entscheidungsträgern zu erreichen. Positiv anzumerken ist, dass im vergangenen Jahr die Attestpflicht für die Aufnahme in den Kindergarten abgeschafft wurde. Dies war eine Forderung aus der Umfrage des Jahres 2025. Auch wenn dies sicher nur ein kleiner Punkt ist, zeigt sich doch, dass eine Veränderung möglich ist. Wir hoffen, dass wir auch in diesem Jahr positive Veränderungen bewirken können und werden hierüber in den nächsten Monaten berichten.

PD Dr. Johannes Pfeil
Dr. Folkert Fehr