Genossenschaft der fachärztlichen Versorgung
von Kindern und Jugendlichen

4/2026

Leitartikel

SOPASS: Sprache im Alltag stärken – Elternberatung als wirksamer Baustein in der kinderärztlichen Praxis

Ramona Ehrmann ist seit 2021 als SOPASS – Sozialpädiatrische und Präventionsassistentin – in der kinder- und jugendärztlichen Praxis tätig. Bereits in den letzten Ausgaben der PädNetzS Info berichtete sie über ihre Arbeit als SOPASS im Praxisalltag. In diesem Artikel nimmt sie die Leserinnen und Leser mit zu einem Thema, das sie seit vielen Jahren bewegt: der Frage, wie Sprache im Alltag von Familien ganz selbstverständlich gefördert werden kann – von Anfang an, niedrigschwellig und wirkungsvoll.

Merke:
Lese- und Sprachförderung im Alltag
ist keine Therapie. Sie ist Prävention,
Orientierung und Unterstützung –
sowohl vor als auch begleitend zu
logopädischen Maßnahmen.

Im Praxisalltag zeigt sich immer wieder, dass Fragen zur Sprachentwicklung einen großen Teil der elterlichen Anliegen ausmachen. Häufig bestehen Unsicherheiten, ohne dass eine klare medizinische Auffälligkeit vorliegt. Gleichzeitig fehlt im eng getakteten Alltag oft die notwendige Zeit für ausführliche Beratung. Genau hier kann eine strukturierte Elternberatung durch die SOPASS sinnvoll ansetzen und eine wichtige Lücke schließen.

Ein Thema, das mich seit Beginn begleitet

Schon während meiner Ausbildung zur Präventionsassistentin hat mich das Thema Sprache und kindlicher Spracherwerb fasziniert. Diese Begeisterung mündete damals in meiner Abschlussarbeit zum Thema Lese- und Sprachförderung im Alltag. Schnell zeigte sich, wie groß der Informationsbedarf bei Eltern war: Es folgten Kooperationen mit der Stadtbücherei, mehrere Elternabende sowie Einladungen in verschiedene Kindertageseinrichtungen.

Sprachförderung beginnt im Alltag

Im Zentrum meiner damaligen wie heutigen Beratungen steht ein einfacher, aber wesentlicher Gedanke:
Lese- und Sprachförderung im Alltag bedeutet die ganz natürliche Anregung und Stimulation der Sprachentwicklung in der täglichen Interaktion mit den Eltern und dem engsten Umfeld. Sie ist leicht umzusetzen, benötigt keine speziellen Materialien und kann bereits von frühester Kindheit an erfolgen.

Dabei ist klar abzugrenzen, dass diese Form der Förderung keine logopädische Therapie ersetzt. Bei Sprachauffälligkeiten oder -störungen gehören Kinder selbstverständlich in die Hände von geschultem Fachpersonal. Dennoch kann eine alltagsintegrierte Sprachförderung in der Familie eine wertvolle Ergänzung und Unterstützung einer logopädischen Behandlung darstellen – oder im besten Fall präventiv wirken.

Wann beginnt Sprachförderung – und was sollte ein Kind können?

Ein zentrales Thema in den Beratungen war und ist die Frage nach sprachlichen Entwicklungsschritten:

  • Wann beginnt Sprachförderung
  • Wie viele Wörter sollte ein Kind in welchem Alter sprechen können?
  • Welche Unterschiede sind noch entwicklungsbedingt, wann besteht Handlungsbedarf?

Diese Fragen wurden bereits vor vielen Jahren intensiv diskutiert – und sie sind bis heute unverändert aktuell. Viel geändert hat sich an der Bedeutung früher sprachlicher Anregung nicht.

Sprache als Schlüssel für Bildung und Teilhabe

Trotz zahlreicher Initiativen wie der Lesetasche der Stiftung Lesen, Kooperationen zwischen Kindergärten und Büchereien, Vorleseangeboten oder Kampagnen wie Bildschirmfrei: sei dabei, ist die Lese- und Sprachförderung im Alltag vieler Familien noch nicht ausreichend verankert.

Dabei ist die Sprachkompetenz eine Schlüsselqualifikation für den späteren Schulerfolg. Sie bildet die Grundlage aller Unterrichtsfächer, beeinflusst die soziale Integration und trägt maßgeblich zur Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls bei. Mangelnde Ausdrucksfähigkeit kann hingegen soziale Folgeprobleme begünstigen und Unsicherheiten verstärken.

Widerbelebung der Elternberatung in der Praxis

Mit einfachen, verständlichen Erklärungen startete ich bereits vor vielen Jahren die Elternberatung zur Lese‑ und Sprachförderung in unserer kinder‑ und jugendärztlichen Praxis. Zwischenzeitlich etwas in den Hintergrund geraten, erlebt dieses Angebot aktuell eine deutliche Wiederbelebung – nicht zuletzt durch den steigenden Beratungsbedarf, auch im Kontext von Mehrsprachigkeit.

Ein neues Konzept: alltagsnah und familienzentriert

Gemeinsam mit meiner Kollegin habe ich mittlerweile ein neues Beratungskonzept auf Grundlage der Sprachförderung der 
FamilienErgo entwickelt. Die Eltern erhalten in Einzelgesprächen kleine, alltagstaugliche Tipps, die gemeinsam besprochen und anschaulich verdeutlicht werden. Themen sind unter anderem:

  • dialogisches Vorlesen und gemeinsames Bücherlesen
  • sprachförderliche Alltagsroutinen
  • kleine „Sprach-Challenges“, angelehnt an Konzepte 
von Dr. Dernick
  • Besonderheiten der mehrsprachigen Entwicklung

Ziel ist es, Eltern Sicherheit zu vermitteln und ihnen zu zeigen, wie wirkungsvoll sie selbst die Sprachentwicklung ihres Kindes unterstützen können.

Screening als sinnvolle Ergänzung: der HASE-Test

Ergänzend bieten wir in unserer Praxis das Heidelberger Auditive Screening (HASE) an. Dieses Angebot richtet sich vor allem an Eltern, die vom Kindergarten zur weiteren Abklärung in die Praxis geschickt werden. HASE dient der frühzeitigen Erkennung von Kindern mit Sprach- bzw. Schriftspracherwerbsstörungen und umfasst vier fundierte Aufgabengruppen:

  • Nachsprechen von Sätzen
  • Nachsprechen von Kunstwörtern
  • Wiederholen von Zahlenfolgen
  • Erkennen von Wortfamilien

Diese Aufgaben gelten als valide Indikatoren für die allgemeine Sprachleistungsfähigkeit und relevante Bereiche des Arbeitsgedächtnisses. Das Screening wird von den Familien sehr gut angenommen und ergänzt die bestehende Beratung sinnvoll.

Die Rolle der SOPASS im Praxisalltag

Zur ersten Einschätzung der sprachlichen Situation nutzen wir speziell entwickelte Screeningfragebögen, die uns als MFA und SOPASS im Praxisalltag unterstützen. Kinder mit Auffälligkeiten werden selbstverständlich ärztlich vorgestellt und erhalten bei Bedarf eine logopädische Verordnung.

Auffällig ist jedoch, dass die Zahl der Kinder steigt, bei denen keine medizinische Indikation für Logopädie besteht, die Eltern aber dennoch verunsichert sind oder Unterstützung wünschen. Genau diese Familien finden in der SOPASS-Sprechstunde zur Lese- und Sprachförderung im Alltag den richtigen Ansprechpartner.

SOPASS: Entlastung für die Praxis – Mehrwert für Familien

Gerade vor dem Hintergrund der zunehmend angespannten kinderärztlichen Versorgung in vielen Regionen sehe ich in der SOPASS eine große Chance für Kinderarztpraxen. Die Überlastung der bestehenden Praxen ist spürbar, gleichzeitig steigt der Beratungsbedarf der Familien – insbesondere bei Themen wie Sprache, Entwicklung und Förderung im Alltag.

Die SOPASS-Sprechstunde schafft hier wertvollen Raum: Eltern erhalten Zeit, Orientierung und praktische Unterstützung, während Kinder und Jugendärztinnen und -ärzte im Praxisalltag spürbar entlastet werden. Viele Fragen lassen sich qualifiziert auffangen, einordnen und begleiten, ohne dass sofort eine medizinische Maßnahme notwendig ist.

Die SOPASS ist damit nicht nur eine Bereicherung für das Praxisteam, sondern ein praxisnaher, wirksamer Baustein, um Familien auch unter schwierigen Versorgungsbedingungen gut begleiten zu können.

Fünf alltagsnahe Tipps zur Sprachförderung

1. Im Alltag sprachlich begleiten
Sprechen Sie über das, was Sie und Ihr Kind gerade tun oder wahrnehmen. Kurze, einfache Sätze reichen aus. So wird Sprache ganz nebenbei mit Handlungen verknüpft und bleibt für das Kind verständlich und bedeutsam.

2. Auf Augenhöhe gehen und zuhören
Blickkontakt, ruhiges Abwarten und echtes Zuhören sind zentrale Grundlagen für den Spracherwerb. Lassen Sie Ihr Kind ausreden und geben Sie ihm Zeit, seine Gedanken in Worte zu fassen.

3. Interessen des Kindes aufgreifen
Kinder lernen Sprache besonders gut über Themen, die sie interessieren. Folgen Sie den aktuellen Interessen Ihres Kindes und sprechen Sie darüber – das fördert Wortschatz, Motivation und Freude am Sprechen.

4. Fehler nicht korrigieren, sondern richtig vorleben
Macht ein Kind sprachliche Fehler, sollten diese nicht direkt korrigiert werden. Wiederholen Sie das Gesagte stattdessen korrekt und leicht erweitert. So lernt das Kind am sprachlichen Vorbild, ohne die Freude am Sprechen zu verlieren.

5. Tägliche Bücherzeit fest im Alltag verankern
Schon wenige Minuten gemeinsames Anschauen und Vorlesen von Büchern fördern Sprache nachhaltig. Dabei geht es nicht um perfektes Vorlesen, sondern um gemeinsames Entdecken, Benennen und Gespräch über Bilder und Inhalte.

Ramona Ehrmann

Hinweis für die Praxis:
Diese Tipps basieren auf Empfehlungen der FamilienErgo. Weniger bekannt ist, dass die FamilienErgo neben Themen rund um Bewegung und Motorik auch einen eigenen Informationsbereich zur Sprachentwicklung und Sprachförderung von Kindern im Alter von 1 bis 4 Jahren anbietet. Der nebenstehende QR-Code führt direkt zu diesen praxisnahen Materialien für Eltern, Großeltern und Fachkräfte und eignet sich besonders als ergänzende Informationsquelle in präventiven SOPASS-Sprechstunden.

www.familienergo.de