Das visuelle System stellt mit einem Anteil von über 80 % an der Umweltwahrnehmung den dominierenden Sinn des Menschen dar. Die Entwicklung des Sehens erfolgt überwiegend im frühen Kindesalter und unterliegt zeitlich klar definierten sensiblen Phasen. Störungen in dieser Zeit können nachhaltige Auswirkungen auf die visuelle, motorische und kognitive Entwicklung haben und sind daher von besonderer pädiatrischer Relevanz.
Physiologische Entwicklung des Sehens
Neugeborene weisen physiologisch eine ausgeprägte Hyperopie auf und verfügen initial über eine sehr geringe Sehfähigkeit (Visusäquivalent ca. 0,01). Mit dem postnatalen Wachstum des Bulbus kommt es zu einer schrittweisen Reduktion der Weitsichtigkeit (Emmetropisierung). Parallel reifen die Photorezeptoren der Retina sowie die neuronalen Verschaltungen der Sehbahn und der primären Sehrinde.
Bereits in den ersten Lebenswochen zeigt sich ein deutlicher Anstieg der Sehleistung. Bis zur 6. Lebenswoche erreicht diese etwa 0,2, sodass bekannte Gesichter erkannt werden können und erste soziale Reaktionen (z. B. soziales Lächeln) auftreten. Die Fixation ist zu diesem Zeitpunkt noch instabil.
Ab der 8. Lebenswoche steigt die Sehleistung auf etwa 0,3. In dieser Phase beginnt die Entwicklung des binokularen Sehens. Der Säugling ist zunehmend in der Lage, zwischen Nähe und Ferne zu fokussieren, wodurch erste Voraussetzungen für eine räumliche Wahrnehmung geschaffen werden.
Entwicklung des binokularen und räumlichen Sehens
Zwischen dem 3. und 5. Lebensmonat entwickelt sich das stereoskopische Sehen. Erst durch die Fusion der Einzelbilder beider Augen entsteht ein einheitlicher Seheindruck mit Tiefenwahrnehmung (3D-Sehen). Gleichzeitig verbessert sich die Hand-Auge-Koordination deutlich: Kinder nehmen ihre Hände bewusst wahr und beginnen gezielt zu greifen.
Mit zunehmender visueller Reifung (Visus ca. 0,4 bis zum 3. Lebensmonat) wird das Sehen zu einem zentralen Steuerungsfaktor der motorischen Entwicklung.
Reifung visueller Funktionen im zweiten Lebenshalbjahr
Im Verlauf des 6. Lebensmonats reifen Farb- und Kontrastsehen weiter aus, die Gesichtsfeldgrenzen sind nahezu vollständig entwickelt und die Fixationsdauer nimmt zu. Das visuelle System übernimmt nun eine führende Rolle in der sensomotorischen Entwicklung. Visuelle Reize initiieren motorische Lernprozesse wie gezieltes Greifen, Krabbeln und später das freie Sitzen.
Im 9. Lebensmonat ermöglicht das gut entwickelte Stereosehen differenzierte feinmotorische Leistungen wie den Pinzettengriff. Zudem bilden das visuelle Erkennen und Benennen von Objekten eine wesentliche Grundlage für den Spracherwerb.
Visuelle Entwicklung im Kleinkindalter
Zwischen dem 12. Lebensmonat und dem 2. Lebensjahr gelten die zentralen visuellen Funktionen – Sehschärfe, binokulares Sehen, Farbensehen und Gesichtsfeld – als weitgehend ausgereift. Das gut entwickelte Sehen unterstützt nun komplexere motorische Fähigkeiten wie Laufen, Rennen, Ballspiele sowie feinmotorische und kognitive Leistungen (z. B. Bilderbuchbetrachtung, Zeichnen erster Linien, Erlernen alltäglicher Handlungsabläufe).
Bis zum 6. Lebensjahr stabilisiert sich die Sehleistung weiter, während die neuronalen Netzwerke der Sehbahn zunehmend konsolidiert werden.
Sensitive Phase und klinische Bedeutung
Die visuelle Entwicklung unterliegt einer ausgeprägten sensitiven Phase. Diese ist in den ersten 18 Lebensmonaten besonders hoch ausgeprägt, nimmt bis zum 3. Lebensjahr deutlich ab und ist bis zum 6. Lebensjahr nur noch gering vorhanden. Erst mit etwa dem 12. Lebensjahr gilt die Sehentwicklung als vollständig abgeschlossen.
Störungen des visuellen Systems – etwa durch Refraktionsfehler, Strabismus oder organische Defekte – können nur innerhalb dieser sensiblen Phase effektiv therapiert werden. Eine frühzeitige Erkennung und Behandlung sind daher entscheidend. Je früher visuelle Auffälligkeiten diagnostiziert werden, desto besser sind Prognose und Therapieerfolg und desto kürzer ist in der Regel die notwendige Behandlungsdauer.
Fazit für die kinderärztliche Praxis
Die regelmäßige Beurteilung der Sehentwicklung stellt einen zentralen Bestandteil der pädiatrischen Vorsorge dar. Kinderärztinnen und Kinderärzte nehmen eine Schlüsselrolle bei der frühzeitigen Identifikation visueller Entwicklungsstörungen ein. Eine rechtzeitige Weiterleitung zur augenärztlichen Abklärung kann irreversible Sehdefizite verhindern und trägt maßgeblich zur gesunden Gesamtentwicklung des Kindes bei.
Kindliche Sehstörungen
Brechungsfehler
Einen Brechungsfehler des Auges nennt man auch Refraktionsfehler oder Fehlsichtigkeit. Dabei kann ohne ein entsprechendes Brillenglas keine optimale Abbildung auf der Netzhaut des Auges entstehen. Die einfallenden Lichtstrahlen erfahren im Wesentlichen eine Brechung an der Hornhaut und Linse.
Es gibt drei Arten von Brechungsfehlern:
Weitsichtigkeit (Übersichtigkeit, Hyperopie)
Hierbei handelt es sich um ein zu kurzes Auge im Verhältnis zu seiner Brechkraft. Die in das Auge einfallenden Lichtstrahlen vereinigen sich nicht auf der Netzhaut, sondern dahinter, so dass kein scharfes Bild entsteht. Die Weitsichtigkeit wird mit Sammellinsen korrigiert, damit die Lichtstrahlen sich nun auf der Netzhaut vereinigen und ein scharfes Sehen möglich ist. Ein gewisses Maß an Weitsichtigkeit im Kindesalter ist allerdings normal und kann von den Kindern ausgeglichen werden.
Kurzsichtigkeit (Myopie)
Ein kurzsichtiges Auge ist zu lang im Verhältnis zu seiner Brechkraft. Die in das Auge einfallenden Lichtstrahlen vereinigen sich vor der Netzhaut. Die Kurzsichtigkeit wird mit Zerstreuungslinsen korrigiert, damit wiederum eine scharfe Abbildung auf der Netzhaut erfolgt. Kurzsichtige sehen in der Ferne unscharf und in der Nähe scharf.
Häufig entstehen Kurzsichtigkeiten erst in späteren Wachstumsphasen, z. B. Pubertät.
Hornhautverkrümmung (Stabsichtigkeit, Astigmatismus)
Diese Art der Fehlsichtigkeit besagt, dass die Hornhaut nicht gleichmäßig (kugelig) geformt ist. Sie ist in einer Ebene stärker gekrümmt als in der anderen (man stelle sich ein halbiertes Ei vor). Ein Punkt wird demzufolge nicht als Punkt gesehen, sondern als Strich. Zylindrische Gläser führen wieder zu einer punktförmigen Abbildung. Die Hornhautverkrümmung kann mit einer Weit- oder Kurzsichtigkeit kombiniert sein.
Für ein gutes beidäugiges Sehen der Augen ist eine qualitativ hochwertige Abbildung in beiden Augen erforderlich.
Stärkere Brechkraftunterschiede zwischen den Augen nennt man Anisometropie.
Bei nicht korrigierten Brechungsfehlern wird der Seheindruck des Auges mit der unschärferen Abbildung vom Gehirn vernachlässigt, es entwickelt sich auf diesem Auge eine Sehschwäche (Amblyopie). Dadurch kann sich dann das beidäugige Sehen auch nicht oder nur ungenügend entwickeln.
Haben beide Augen höhere Brechungsfehler, die nicht rechtzeitig erkannt und korrigiert wurden, so kann auch beidseits eine Sehschwäche (Amblyopie) bestehen.
Da das Auge wächst, können sich im Laufe des Lebens Brechkraftfehler einstellen, so dass man die Testung der Brechkraft in regelmäßigen Abständen wiederholen sollte.
Organische Auffälligkeiten
- Qualität des optischen Systems
Sind Hornhaut, Linse oder Glaskörper getrübt oder verhindert ein herabhängendes Lid (Ptosis) den Lichteinfall ins Auge, so wird die Sehleistung unter Umständen deutlich verringert. Vor allem angeborene Medientrübungen müssen so früh wie möglich entdeckt und behandelt werden, um eine gute Sehentwicklung zu gewährleisten. Mittels des Brückner-Tests, welcher bereits bei der U2 durchgeführt wird, ist eine frühzeitige Aufdeckung möglich.
- Gesundheit der Netzhaut
Sind die Zellen in der Netzhaut nicht in der Lage, die Lichtreize richtig zu verarbeiten oder die Nervenimpulse weiterzuleiten, so kann das Gehirn Gegenstände nicht gut erkennen.
Schielen
Schielen bedeutet, dass die Augen nicht parallel stehen.
Es gibt verschiedene Schielformen, die sich in der Art der Abweichung (nach innen, außen, oben oder rotatorisch), nach Blickrichtung und oder Dauer unterscheiden.
Die Folge des Schielens ist, dass kein oder sehr reduziertes beidäugiges Sehen vorhanden ist und das Auge, welches abweicht, meist eine eingeschränkte Sehentwicklung durchläuft und eine Sehschwäche (Amblyopie) entwickelt.
Besonders tückisch sind Mikroschielfehler oder phasenweises Schielen, da diese kosmetisch unauffällig sind und häufig erst spät entdeckt werden.
Warnzeichen für kindliche Sehstörungen können sein:
- Stolpern, Danebengreifen, Ungeschicklichkeiten
- Kopfschmerzen, Augenbrennen
- Schielen
- Augenzittern
- Augenkneifen, Blinzeln
- Kopffehlhaltungen
- Vermeidungsstrategien (Unlust an Dingen im Nahbereich wie Lesen, Malen, Basteln)
- Blendempfindlichkeit
- Hängende Augenlider
- weißliche Pupillen, Hornhauttrübungen, unterschiedliche Pupillengrößen
Besonders bei Kindern aus Familien mit bekannten Brechungsfehlern, Augenerkrankungen oder Schielfehlern empfiehlt sich, frühzeitig ein Sehscreening durchzuführen.
Was sollte ein kinderärztliches Sehscreening enthalten?
- Anamnese (Frühgeburtlichkeit, beobachtete Auffälligkeiten, erbliche
- Augenerkrankungen oder Sehfehler)
- Sehtest (Kindergartenalter: LEA-Symbole, Schulalter: E-Haken oder Landoltringe)
- Durchleuchtungstest -Brückner-Test (Ophthalmoskop, Screeninggeräte)
- Überprüfung des Binokularsehens (z. B. Lang-Test)
- Beurteilung der Augenbeweglichkeit im Seitblick (Objekt oder Lämpchen)
- Messung der Refraktion (Screening-Geräte)
Fazit:
Eine gestörte Sehentwicklung kann vor allem durch Schielen, Refraktionsfehler, Medientrübung, Ptosis oder Netzhautanomalien verursacht werden. Ein konsequentes Amblyopie-Screening im Kindesalter ist zur Prävention von Sehstörungen wichtig und eine effektive Maßnahme.
Eine frühzeitige Diagnostik und entsprechende Behandlung mit Brille, einer Okklusionstherapie mit Augenpflastern, ggf. Operation oder eine visuelle Frühförderung könnte die dauerhafte Lebensqualität beachtlich erhöhen.
Der Berufsverband Orthoptik e.V. rät deshalb dringend, alle kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen und bei Abweichungen der Sehentwicklung, Auffälligkeiten und familiären Vorbelastungen unmittelbar eine spezialisierte Kinder-Augenarzt-Praxis mit Orthoptist/in aufzusuchen.
Kerstin Hornig
Orthoptistin
Kontakt: kerstin.hornig@online.de
Die Liste aller orthoptischen Einrichtungen in deutschen Augenarztpraxen finden Sie unter www.orthoptik.de