Wenn die digitale Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen ein vertretbares Maß überschreitet, fühlen sich Eltern oft rat- und machtlos. Sich von professioneller Seite Unterstützung zu holen, kann daher ein wichtiger Schritt sein, um eine Lösungsperspektive zu entwickeln. Inzwischen bieten verschiedene Organisationen Beratung zu diesem Thema an, auch für die Betroffenen selbst und auf Wunsch in anonymisierter Form.
Release Stuttgart e.V. stellt im folgenden seine Einrichtung vor und beschreibt die Arbeitsweise in der Beratung.
Release Stuttgart e.V. ist ein freier Träger der Sucht- und Drogenhilfe in Stuttgart, welcher 1971 gegründet wurde. Ursprünglich gestartet als Selbsthilfeorganisation von Betroffenen, hat sich daraus eine professionelle Einrichtung mit einem breiten Spektrum an Präventions- und Hilfsangeboten entwickelt. Schwerpunkt der Arbeit von Release ist dabei die Arbeit mit Konsument*innen und Abhängigen sogenannter illegaler Drogen. Aber auch legale Substanzen oder Medikamente sowie „nicht-stoffgebundene“ Verhaltensweisen und Süchte spielen eine Rolle.
Wie Release Netzpause entstanden ist
Seit 2011 existiert das Angebot Release Netzpause. Es ist ein Beratungs- und Präventionsangebot bei problematischer oder abhängiger Internet- und Mediennutzung und bei Release U21 angesiedelt. Anlass für die Entstehung dieses Angebotes war, dass sich um 2011 die mediale Berichterstattung zu übermäßigem Medienkonsum bei jungen Menschen häufte und bei Release U21 vermehrt Anfragen und Bedarfe zu dieser Thematik ankamen. Das Projekt wurde anfänglich aus Eigenmitteln finanziert und setzte von Anfang an auf eigenständige Öffentlichkeitsarbeit (z.B. neuer Name, eigene Homepage und Flyer), um Zielgruppen anzusprechen, die keine Nähe zu anderen (Drogen-)Konsumthemen haben.
Seit 2011 hat sich einiges getan: Release Netzpause ist seit 2018 ein durch die Stadt Stuttgart bezuschusstes mit einer 100% Stelle gefördertes Regelangebot von Release U21; im gleichen Jahr entschied die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die „Gaming Disorder“/Computerspielstörung als Suchterkrankung anzuerkennen; bei Release Netzpause ist die Anzahl der erreichten Menschen durch Beratung und Prävention deutlich gestiegen. Gleich geblieben ist jedoch, dass Release Netzpause sowohl die Beratung bei bereits bestehenden Problemen und Konflikten ebenso umfasst wie Angebote, um dem Auftreten eines problematischen Mediennutzungsverhaltens vorzubeugen.
Für junge Menschen unter 21 und ihr soziales Umfeld
Die Beratung bei Release Netzpause richtet sich an unter 21-jährige Menschen aus Stuttgart, deren Angehörige sowie an Fachkräfte. Dabei wird die Beratung im Verhältnis häufiger von Eltern als von ihren Kindern in Anspruch genommen.
Oftmals ist die Mediennutzung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen bereits über Monate, teilweise sogar Jahre ein Konfliktthema innerhalb der Familie – selbst wenn die jungen Menschen unter Umständen nicht die Kriterien einer Internetnutzungsstörung, worunter zum Beispiel die Computerspielstörung fällt, erfüllen und das „Problem Mediennutzung“ zwar ein Konflikt- aber noch kein Suchtthema ist. Unter den Konflikten leiden Eltern sowie Kinder – wobei der Leidensdruck seitens der Eltern meist früher besteht und dazu führt, die Beratung aufzusuchen. Die Beratungsziele können dabei unterschiedliche sein: manche Eltern möchten das Mediennutzungsverhalten ihrer Kinder einordnen können, erkennen, was „hinter“ der Mediennutzung steckt und verstehen, ob eine Sucht vorliegt; andere wünschen eine Veränderung im Umgang mit ihren Kindern herbeizuführen, etwa eine Verbesserung der Beziehung und Kommunikation. Oder sie suchen Unterstützung, um zu erarbeiten, wie alternative Aktivitäten gefördert oder Regeln aufgestellt bzw. Konsequenzen bei Regelbrüchen umgesetzt werden können.
Auch junge Menschen selbst nehmen die Folgen exzessiver Mediennutzung wahr
Junge Menschen suchen die Beratung bei Release Netzpause zwar seltener auf, doch auch sie leiden unter den innerfamiliären Konflikten. Zudem besteht häufig auch bei ihnen ein Gefühl von Unzufriedenheit bezüglich ihrer Mediennutzung oder zumindest einzelner Aspekte (zu viel Bildschirmzeit, als „unnötig“ erlebte Nutzung, Langeweile und Einsamkeit bei Nicht-Nutzung). Das erleben wir in unserer Beratungs- und Präventionsarbeit und ist Ergebnis verschiedener aktueller Studien. Beispielsweise äußert eine Mehrheit der jungen Menschen in Deutschland, dass sie Zeiten ohne Internet/Handy genießen und wahrnehmen, dass sie oft länger online sind, als sie es geplant hatten (siehe JIM-Studie 2025, „Überdruss digitaler Kommunikation“). Dass junge Menschen die Beratung seltener aufsuchen, hat verschiedene Gründe – tun sie es, ist es wichtig, dass ihnen die Beratenden auf Augenhöhe begegnen und ehrliches Interesse und Neugier für ihre Themen und Mediennutzung zeigen. Dadurch kann eine Atmosphäre des Vertrauens entstehen, die es den jungen Menschen ermöglicht, sich zu öffnen und über eine mögliche Veränderung ihres Mediennutzungsverhalten nachzudenken.
Schritte zu einem veränderten Nutzungsverhalten
Ein wesentlicher Ansatz für eine Veränderung ist, zu verstehen, welcher Hintergrund bei der Mediennutzung individuell eine Rolle spielt. Häufig liegen der Nutzung digitaler Spiele, sozialer Netzwerke, Videoportale etc. Bedürfnisse zugrunde, deren Befriedigung durch andere Aktivitäten und Strategien möglich ist. Alternativen müssen jedoch unter Umständen erst gesucht und Neues ausprobiert werden. Motivation zur Veränderung ist ebenso notwendig wie Ausdauer und Mut. Zudem ist soziale Unterstützung hilfreich und teilweise sogar essenziell. Je jünger die jungen Menschen sind, desto wichtiger ist die Begleitung der Mediennutzung durch die Eltern. Eltern können dazu beitragen, problematischer Mediennutzung vorzubeugen und Veränderung, beispielsweise durch die gemeinsame Suche nach Alternativen, zu unterstützen.
Manchmal ist die Problematik jedoch bereits zu weit fortgeschritten oder es liegen individuelle oder soziale Faktoren vor, die hinderlich sind, so dass eine Veränderung der Situation nicht unmittelbar möglich ist. In diesen Fällen gibt es spezialisierte Beratungsprogramme und Therapien, die dabei helfen, einen gesunden Umgang mit sich und dem eigenen Mediennutzungsverhalten zu erlernen und zu einer größeren inneren Zufriedenheit zu finden. Eine Übersicht über beratende und therapeutische Angebote bei problematischer Mediennutzung bietet der Fachverband Medienabhängigkeit:
https://www.fv-medienabhaengigkeit.de/hilfe-finden/
Maximilian Kiefer
Release U21
Die Beratung ist kostenlos, vertraulich (Schweigepflicht) und auf Wunsch anonym. Beratungsgespräche können persönlich, telefonisch oder als E-Mail-Beratung stattfinden.
Release Netzpause
Villastr. 11
70190 Stuttgart
Telefon: 0711 / 60 17 37-30
https://www.release-stuttgart.de/release-u21
https://www.release-netzpause.de
Bei Themen im Bereich Beratung/Prävention können sich auch ärztliche Fachkräfte an Release wenden:
https://www.release-netzpause.de/multiplikatoren