Suche

Genossenschaft der fachärztlichen Versorgung
von Kindern und Jugendlichen

Rubriken | PädNetzS Info

2023/4

Nach dem Symposium für Kinder- und Jugendgesundheit – ändert sich jetzt was?

Symposium für Kinder- und Jugendgesundheit

Am 25. Juli fand das Symposium Kinder- und Jugendgesundheit in Stuttgart statt, organisiert durch das Sozialministerium Baden-Württemberg.


Vertreter:innen verschiedener Bereiche der pädiatrischen Versorgung waren eingeladen, um gemeinsam Lösungsstrategien zusammenzutragen, wie Verbesserungen für unsere kleinen und großen Patienten angestoßen werden können.

Im Winter 22/23 waren viele Kinder- und Jugendarztpraxen, aber auch Krankenhäuser und weitere Versorgungsstrukturen, am Rande ihrer Kapazitäten.

Eine massive RSV-Welle gepaart mit einem sich lang anbahnenden Fachkräftemangel und einer Unterversorgung mit Medikamenten führte zu einer hohen Arbeitsbelastung und dazu, dass Kinder und Jugendliche nicht immer adäquat versorgt werden konnten.
Diensthabende Ärzt:innen telefonierten nachts stundenlang alle umliegenden Krankenhäuser ab, wo noch ein Bett für ein sauerstoffpflichtiges Kind frei sei.

Pflegende mussten deutlich mehr Kinder versorgen, als der Pflegeschlüssel eigentlich erlaubt.
Niedergelassene Kolleg:innen sahen kranke Kinder im 5-Minuten-Takt.
MFAs mussten sehr viel Ärger und Sorge von Eltern abpuffern.
Und die Kinder in unseren Praxen – die erhielten oft nicht die Versorgung, die wir uns wünschen.
Es gab oft nicht genug Zeit, in Ruhe eine kindgerechte Untersuchung durchzuführen.
Nicht die Zeit, den Eltern die Handhabung eines AeroChambers zu erklären.

Nicht die Zeit, einer Flüchtlingsfamilie zu erklären, dass sie jetzt mehrere Apotheken für das Antibiotikum ablaufen müssen.
Nicht die Zeit, auf die angedeutete Überbelastung einer Mutter einzugehen.

 

Das durfte so nicht weitergehen.

Nachdem die Kinderkliniken im Dezember 2022 einen gemeinsamen Brandbrief an Minister Lucha versandt hatten, berief dieser direkt ein Notfall-Fachgipfel ein. Um die stationäre Versorgung wenigsten in den Grundzügen zu sichern, wurde damals die Aussetzung der Pflegepersonaluntergrenze verlängert und es wurden dringende
Forderungen an den Bund formuliert.
Und um sich auch auf Landesebene besser auf den kommenden Winter vorzubereiten, wurde ein Folgegipfel für Juli geplant.

So trafen sich am 25.Juli Arbeitsgruppen (unter anderen die „Junge Pädiatrie“, siehe Kästchen) und Vertreter:innen verschiedener Bereiche der pädiatrischen Versorgung und konnten gemeinsam eine Erklärung mit konkreten Maßnahmen erarbeiten, die hoffentlich zu einer Verbesserung sowohl kurz- wir auch langfristig führen wird.


Die wichtigsten Forderungen möchte ich hier kurz zusammenfassen:

  • Reform der Bedarfsplanung im Bereich Kinder- und
    Jugendmedizin
    Um hundert Kinder pädiatrisch zu versorgen braucht man heute einfach mehr Zeit als vor 20 Jahren! Es gibt neue Vorsorgen, mehr Impfungen, mehr psychosoziale Beratungsthemen, mehr Bürokratie. Viele Praxen müssen einen Aufnahmestopp verhängen und Eltern finden in ihrer Region keine Kinderärzte.
  • Erweiterung der Ressourcen zur Versorgung kranker Kinder und Jugendlicher in Sozial Pädiatrischen Zentren und Hochschulambulanzen
    Ein entwicklungsauffälliges Kind kann nicht ein Jahr auf einen Ersttermin im SPZ warten! Die Kapazitäten müssen erhöht werden!
  • Reduktion von Attest-Anforderungen durch Schulen
    Ein Kind mit Gipsbein muss kein ärztliches Attest für die Bundesjugendspiele bringen – solche bürokratischen Auflagen nehmen uns Zeit, die wir für kranke Kinder brauchen!
  • Bedarfsgerechte Ausbildung und Sicherung von qualifizierten Pflegekräften für Kinder und Jugendliche sowie die Erarbeitung eines Mustercurriculums für den Vertiefungseinsatz Pädiatrie im Rahmen der generalistischen Pflegeausbildung
    Wir brauchen dringend gut ausbildete Pflegende und die Spitze des Fachkräftemangels liegt noch vor uns!
  • Verbesserung der Vernetzung und sichere Kommunikation unter den Kliniken
    Es muss eine Plattform o.ä. erstellt werden, über die freie Betten gemeldet und medizinische Informationen ausgetauscht werden können, damit wertvolle ärztliche Zeit nicht am Telefon verbracht wird! Ein gutes Modell zur sektorenübergreifenden Vernetzung gibt es beispielsweise bereits von der Universität Passau.
  • Verbesserung der ärztlichen Aus- und Weiterbildung, v.a. eine verlässliche Weiterbildungsförderung im ambulanten Bereich und Förderung von Weiterbildungsverbünden
    Auch der ärztliche Nachwuchs muss gefördert und die Leistung der Weiterbildenden anerkannt werden!
    Mit der PädNetz-Akademie gibt es bereits eine Struktur mit einem Curriculum für die Weiterbildung in der Praxis. Dies nun im Rahmen von Weiterbildungsverbünden zu einem Komplettpaket zusammenzuführen, das vom Land gefördert wird, wie in der Allgemeinmedizin, wäre dringend notwendig!
  • Programme zur Stärkung der Gesundheitskompetenz von Eltern
    Hier möchte das Sozialministerium verschieden Programme und Aktionen initiieren – wir freuen uns und unterstützen diese Ideen natürlich!
  • Unterstützung einer ausreichenden Versorgung mit Arzneimitteln
    Dieser letzte Punkt bleibt vermutlich leider ein frommer Wunsch. Auch wenn die Lage mit Antibiotika und Fiebersäften aktuell wieder etwas besser ist, werden uns Arzneimittelengpässe laut Herrn Dr. Braun, dem Präsident der Landesapothekerkammer, noch für die nächsten Jahre begleiten.

 

Nun ist es Oktober, Blätter und Kastanien fallen von den Bäumen, die Grippeimpfstoffe trudeln ein und wir warten auf die ersten RSVFälle…

Was ist bis jetzt passiert?
Ändert sich wirklich etwas?

Erfreulicherweise sieht es tatsächlich so aus, als könnte die aktuell ausgesetzte finanzielle Förderung der Weiterbildung in den Praxen 2024 wieder aufgenommen werden und aus dem Topf der Allgemeinmedizin statt aus dem Fachärztetopf finanziert werden, konkrete Beschlüsse erhoffen wir uns zeitnah.
Erste Weiterbildungsverbünde sollen in Karlsruhe und Freiburg entstehen. Hier wäre die Entwicklung eines landesweiten Konzepts sehr erfreulich.
In den nächsten Wochen werden zudem sowohl vom Bündnis Kinderund Jugendgesundheit als auch vom VLKKD (Verband leitender Kinderärzte und Kinderchirurgen Deutschlands) jeweils ein Positionspapier zur Verbesserung der pädiatrischen Ausbildung und Weiterbildung veröffentlicht werden.
Und sogar einige Universitäten in Baden-Württemberg haben bereits auf die Impulse des Symposiums reagiert und wollen prüfen, ob in Zukunft mehr PJ-Plätze in der Pädiatrie angeboten werden können.

Ein großes Anliegen sollte uns Ärztinnen und Ärzten auch die Unterstützung der Pflegeberufe sein: 30% der Betten können aktuell bereits nicht betreiben werden – die ärztliche und pflegerische Situation kann also nicht getrennt werden!
Vom Referat 34 des Sozialministeriums (zuständig für Pflegeberufe) gibt es die Zusage, dass es eine Arbeitsgruppe geben wird, die die Entwicklung eines pädiatrischen Zusatz-Curriculums vorantreibt.
Doch selbst wenn nun der volle Fokus auf die Ausbildung neuer Kolleg:innen in der Pflege gelegt wird, werden wir noch lange einen Mangel spüren. Hier sind also noch deutlich vermehrt Maßnahmen nötig, um den Pflegeberuf wieder attraktiver zu machen und Menschen den (Wieder-) Einstieg zu erleichtern.

Insgesamt war das Symposium eine lohnenswerte Veranstaltung, die wundervoll dazu beigetragen hat, dass alle Berufsgruppen, die an der Versorgung von Kindern und Jugendlichen beteiligt sind, sich zusammenfinden, um gemeinsam für eine Verbesserung einzutreten.

 

Denn für eine gute Versorgung braucht es uns alle!

Marie-Sophie Bendig
Angestellte Fachärztin in einer Praxis in Freiburg
Stellvertretende Obfrau von Südbaden
GF der PädNetz-Akademie