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Genossenschaft der fachärztlichen Versorgung
von Kindern und Jugendlichen

Rubriken | PädNetzS Info

2023/5

Was bewegt sie? Und was bewegen sie?

In loser Folge stellen wir die aktiven Mitglieder des Vorstands und Aufsichtsrats von PädNetzS vor. Das Interview führte Susanne Schöninger-Simon.

Annette Weimann
ist niedergelassene Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin in
Waiblingen. Sie hat PädNetzS mitgegründet und ist stellvertretende
Vorsitzende des Aufsichtsrats.

S.Sch.: Frau Weimann, Sie haben Ihr Medizinstudium zu einem Zeitpunkt abgeschlossen, als es noch einen Überschuss an Bewerbern für die Ausbildung zum pädiatrischen Facharzt gab.

A.W.: Ja, ich bin ein Kind der Babyboomer-Generation. Nach meinem AIP 1993 hätte ich gerne einen Weiterbildungsplatz in einer Kinderarztpraxis erhalten. Damals gab es keine freien Plätze. Daher führte mein Weg über 2 Jahre Innere Medizin in Bremen und einem dreimonatigen Aufenthalt in Bangladesch, wo ich für das Komitee „Ärzte für die Dritte Welt“ tätig war, nach Großbritannien. Dort suchte man Ärzte für die Pädiatrie. Ich arbeitete in einer Praxis und in der Kinderklinik in Neath. Als ich zurückkam, konnte ich meinen Facharzt in der Kinderklinik Waiblingen machen und schloss daran eine zweijährige Zusatzqualifikation für Neonatologie im Olgahospital an.

Diese zusätzliche Weiterbildung war eine Qualifikation zur Oberärztin.

Ich stand vor der Frage „Oberärztin oder Praxis“. Doch dann tat sich 2005 die Möglichkeit für eine Praxisübernahme in Winnenden auf, die ich ergriff. 2008 haben Carmen Horlacher und ich unsere beiden Kinderarztpraxen zusammengelegt und eine Gemeinschaftspraxis in Waiblingen gegründet. Die Arbeit wurde immer mehr und wir waren auf der Suche nach Entlastung. So stieß 2012 Mathias Besuch zu uns, der dritte Kinder- und Jugendarzt in unserer Praxis.

Der Arbeitsaufwand in den Kinder- und Jugendarztpraxen hat innerhalb der letzten zwanzig Jahre erheblich zugenommen. Welche Faktoren sehen Sie hierfür verantwortlich?

Das hat mehrere Gründe. Die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen ist gestiegen, die empfohlenen Impfungen haben sich seit Anfang der 90er Jahre etwa verdoppelt. Bestimmte Krankheiten wie Asthma, Adipositas, ADHS haben zugenommen, wie auch gesundheitliche und psychosoziale Probleme, die in Zusammenhang mit einem wachsenden Medienkonsum stehen. Hinzu kommt, dass der bürokratische Aufwand in einer Praxis inzwischen immens ist. Es gibt eine Zunahme von Verordnungen und Richtlinien. Stelle ich beispielsweise bei einer Krankenkasse einen Antrag für einen Therapiestuhl für ein Kind mit einer Behinderung, muss ich eine Unmenge an Details erfassen, deren Dokumentation mir nicht einleuchtet. Früher konnte ich in meiner Mittagspause auch mal einen Spaziergang machen, heute sitze ich mit meinem Essen vor dem Computer und fülle Formulare aus.

Seit Jahren wird von der KBV suggeriert, dass aufgrund der sinkenden Geburtenrate und Kinderfallzahlen eine Überversorgung in der hausärztlichen Pädiatrie besteht.

Weil bei der Bedarfsplanung die Zunahme an zusätzlichen Aufgaben sowie der höhere Aufwand pro Kind aufgrund der medizinischen Weiterentwicklung ignoriert werden. PädNetzS hat 2014 eine Umfrage zur Versorgungssituation in Kinder- und Jugendarztpraxen in Baden-Württemberg in Auftrag gegeben, die von Thomas Jansen ausgewertet und in der Info publiziert wurde. Damals hat sich bereits abgezeichnet, dass es langfristig zu einer Unterversorgung in der ambulanten Kinder- und Jugendmedizin kommen würde und ländliche Regionen schon davon betroffen waren.

Inzwischen ist diese Situation eingetreten, da Kinderarztpraxen schließen, weil sie keine Nachfolger finden.

Mit dem Resultat, dass Eltern plötzlich ohne einen behandelnden Arzt dastehen und verzweifelt in bereits ausgelasteten Praxen anrufen. Das ist eine sehr dramatische Situation für alle Beteiligten.

Sie haben mit der Frage „Was werden Sie tun?“ gemeinsam mit zwei Kolleg:innen aus dem Rems-Murr-Kreis einen Protestbrief initiiert, den Eltern an Politiker wie Karl Lauterbach, senden konnten. Wie war die Resonanz?

Die Resonanz war groß. Wir haben die Vorlage zum Protestbrief Anfang 2023 verfasst und in Praxen ausgelegt, parallel dazu fand eine Unterschriftenaktion statt. Viele Eltern haben diese Initiative unterstützt. Im Juni veranstalteten wir außerdem einen Protesttag, an dem sich alle niedergelassenen Kinderärztinnen und -ärzte im Rems-Murr-Kreis beteiligt haben und ihre Praxis an diesem Tag geschlossen hatten. Diese Aktionen haben zumindest Unruhe erzeugt, ARD, SWR und verschiedene Zeitungen haben darüber berichtet und es hat dazu geführt, dass wir im Nachklang mit fast allen Parteien sprechen konnten. Wir haben eine Podiumsdiskussion mit Vertretern aus der Politik und der KV veranstaltet, bei der es um eine bessere Gesundheitsversorgung für unsere jungen Patienten ging. Dieser Austausch hat zwar noch zu keinen konkreten Versprechen geführt, aber es hat ein aufmerksames Zuhören stattgefunden, unsere Botschaft wurde ernst genommen. Was mich antreibt, ist folgendes: ich bin beindruckt, dass die Politik nicht nur ihr starres Ding macht, dass sie zuhören kann und etwas für ihre Wählerschaft tun möchte. Deshalb lohnt es sich, sich zu engagieren.

Dann lassen Sie uns hier die Brücke zu Ihrem Engagement bei PädNetzS schlagen, wo Sie Mitglied im Aufsichtsrat sind.

Von 2005 – 2015 war ich Obfrau für den Rems-Murr-Kreis des BVKJ. 2008 wurde ich in dieser Funktion von zwei Kollegen angesprochen, weil es notwendig war, eine kleine schlagkräftige Gruppe zusammenzustellen, die die Interessen der Kinderärzte vertritt. Der Hintergrund war der vor der Unterzeichnung stehende Selektivvertrag der AOK mit dem Hausärzteverband Baden-Württemberg, in dem unsere Belange keine Berücksichtigung fanden. Es zeigte sich, dass wir nur etwas erreichen können, wenn wir uns zu einer Interessengemeinschaft zusammenschließen. Wir haben alle Kinder- und Jugendarztpraxen in Baden-Württemberg angeschrieben, Südbaden ausgenommen, da es dort bereits ein pädiatrisches Netzwerk gab und bei den ersten Treffen war der Saal voll. Wie gründen wir eine Genossenschaft? Was wollen wir von ihr? Das war das Gründungsmoment von PädNetzS. Damals kamen zwischen 50 und 80 Personen zu den Mitgliederversammlungen, es war eine ungeheure Energie und Entschlossenheit vorhanden.

Das gemeinsame Vorgehen hat dazu geführt, dass es zwei Jahre später zum Abschluss eines eigenen Vertrags für die ambulante Pädiatrie kam.

Ich habe die Wahl, mich über schlechte Gegebenheiten aufzuregen, mich resigniert damit abzufinden oder zu versuchen, etwas zu bewegen. Aus meiner Sicht bietet PädNetzS eine effektive Möglichkeit etwas zu tun, denn wir sind eine kleine Organisation, die flexibel agieren kann. Die Kommunikationswege sind kurz und unkompliziert, weshalb Projekte vergleichsweise schnell umsetzbar sind.

Haben Sie hierfür ein Beispiel?

Ein Mal im Jahr findet unser Think-Tank-Treffen statt. Das ist eine thematisch offene Veranstaltung. Ausgehend von dem, was momentan in unserem beruflichen Alltag Relevanz hat und von jemandem angesprochen wird, entsteht ein freier Ideenfluss, der in ganz konkrete Projekte münden kann. Jemand hat einen Vorschlag oder eine Vision, ein anderer greift es auf, eine Dritte hat einen passenden Kontakt usw. So entstand die PädNetz-Akademie. Zuerst stand nur die Frage im Raum, warum es so schwer ist, Praxisnachfolger:innen zu finden, und am Ende des Treffens war der Grundstein für eine bessere Qualifikation der Weiterbildung gelegt. Es war faszinierend, bei diesem Treffen schossen die Gedanken regelrecht durch den Raum. Der nächste Think Tank findet vom 12.–13.01.2024 statt und steht allen Mitgliedern offen. Um die Hürde zu nehmen: bei diesen Treffen wird nicht vorausgesetzt, dass man einen genialen Gedanken einbringt. Ich selbst gehöre zu denjenigen, die oft nur zuhören. Und manchmal entsteht dann doch plötzlich eine Idee oder das Bedürfnis, etwas zu kommentieren. Auch das ist wichtig. Ich würde mir wünschen, dass einfach einige PädNetzmitglieder auftauchen, die sagen: „Wir schauen es uns mal an“.

Sie haben vorhin über die hohe Arbeitsbelastung der Ärztinnen und Ärzte gesprochen. Benötigt es da nicht sehr viel Idealismus, sich darüber hinaus noch berufspolitisch zu engagieren?

Sie können es auch aus einer anderen Perspektive sehen: Teil einer Gemeinschaft zu sein, die eine Verbesserung zum Ziel hat, bedeutet eine Kraftquelle. Drei bis vier Aufsichtsratssitzungen im Jahr, an denen ich teilnehmen muss, bedeuten keinen großen Aufwand und das kreative Vorwärts, das Miteinander befeuert mich. Und Teil eines Netzwerks zu sein bringt viele Vorteile.

Und woraus schöpfen Sie außerdem Energie?

Familie, Freunde, Karten für die Jenufa Aufführung morgen Abend in der Stuttgarter Oper. Aber auch aus meinem Beruf. Mit Kindern zu arbeiten, die Kraft, das Leben, das sie mitbringen, finde ich genial.